Robert Steng

Boxes,Spaces

von Günter Baumann
(Kunstverein Böblingen, Galerie Schlichtenmaier)

Mit dieser Ausdehnung und Begrenzung des Raumes, die sich in unserem Gehirn vollzieht, gehe ich zum Werk von Robert Steng über, der die Betrachtererwartung auf andere Weise irritiert. Minimalistisch wie das Werk von Esther Hagenmaier angelegt, schafft auch er imaginäre Raumsituationen. Allerdings kommt bei ihm die konzeptionelle Idee noch stärker zum Tragen. Zur Kunst kam er – das finde ich hier nicht uninteressant – über das Handwerk des Möbelschreiners und das Studium der Kulturwissenschaften, genauer der Empirischen Wissenschaft. Theorie und Praxis, beide auf exakten Grundlagen basierend, stellen das
Thema Schublade oder allgemeiner: das Thema Raumstück als intellektuelle Inversionsfigur oder als perspektivisches Musterbild und zum Teil auch als gegenperspektivisches Augentäuscherbild dar. Als handwerklicher Profi weiß Robert um die Beschaffenheit der Hölzer, die er so legt, dass ein dreidimensionales Bild erscheint. Er nimmt etwa Schubkastenteile, sägt rautenförmige Teile aus und legt sie so aneinander, dass optisch wiederum eine Schublade entsteht. Dasselbe macht er mit Holzkästen und -kistchen. Licht und Schatten gibt es nicht wirklich, sie sind allein Resultat unterschiedlicher Holzarten oder verschiedener Holzschichten. Hier kommt dem Künstler zugute, dass er anfangs ornamental und vor allem intarsienbezogen arbeitete. Selbst die komplexeste Form wirkt glaubhaft. Geht Ihnen das auch so, dass Sie versucht sind, an die Flächen zu fassen, um sicher zu sein, dass es welche sind? »Empty Boxes«, leere Kisten, verspricht der Künstler, »missing side« im Untertitel relativiert den Nutzwert, der sowieso in der puren Ästhetik aufgeht: Sind die Kisten leer? Diese Frage stellt sich ein Maler, der eine Schublade malt. Als Wandobjekt gibt die Schublade vor, wie eine illusionistische Malerei die Leere darzustellen. Als konkret-minimalistische Plastik liegen hier aber nur Flächen beieinander, für die eine Frage nach voll oder leer absurd wird. Robert Steng vermischt ohne Berührungsängste kunstgewerbliche und künstlerische Elemente, kokettiert mit kunsthistorischen Vorläufern – nicht nur der Minimal Art, sondern auch der Arte povera. Darüber hinaus geht er spielerisch an seine Konzepte heran, was man an den Skizzenblättern sehen kann, die beispielhaft in der Ausstellung hängen. Auch wenn er sich bei Deutungen seiner Kunst heraushält, jegliche Symbolik sogar ablehnt, ist ihm demgegenüber jedoch die zeitliche Komponente wichtig. Anders als Stein, verändert sich Holz im Laufe der Zeit – auf der Suche nach passenden Hölzern wird er auf Sperrmüllplätzen fündig oder bei Wohnungsauflösungen oder nutzlos gewordenen Fundstücken im Bekanntenkreis usw. »Grimy Beam«, ein schmuddeliges Balkenholz, wäre im Alltag kaum noch zu gebrauchen. In der Kunst wird es zur Prominenz. »Ich möchte«, so meinte Robert im Interview, dass der Betrachter Dingte wahrnimmt und schön findet, die er sonst nicht weiter beachten würde«. Die Schubkasten-Pyramide, »Drawer Pyramid«, entstellt gewissermaßen die Vorstellung einer historischen Pyramide, auf den Boden gelegt wird sie sogar konterkariert, als verqueres Schränkchen mit Schubladen, immerhin mit Metallgriffen und Schlüsselloch möglicherweise parodiert. Aber das führt sicher zu weit, wenn der Bildhauer auch Assoziationen zulässt wie in seinem »Secret War Diary«, einem Bausatz aus Elementen einer militärischen Transportkiste, deren Aufschriften und Etiketten ein Stück Familiengeschichte darstellt. Die einfache Kiste mit dem sich regelrecht aufbiegenden Deckel wird zur Schatztruhe der Erinnerung.

Robert Steng

von Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien)

Robert Steng hat ganz bewusst ein Atelier am Stuttgarter Nordbahnhof bezogen. Er interessiert sich für die mikropolitischen Bewegungen in seinem Umfeld. Was er mit den Anwohnern in diesem mittlerweile beliebten Künstlerviertel teilt, ist das Gefühl: Die anderen in meiner Umgebung sind nicht meine Konkurrenten. Steng schätzt die produktiven Zwiegespräche auf Augenhöhe und er sieht und hört, was die Stadt ihm über die Dinge mitteilt.
In der Nachbarschaft findet der Künstler jene Materialien, mit denen er arbeitet. Er sammelt Holzteile und Möbel. Was ihm als ortsspezifisches Objekt interessant erscheint - abgelagerte Nutzhölzer, von Sonne und Witterung gefärbte und gegerbte Oberflächen, die Spezifika der Maserung und die Schönheit von Korpusverbindungen – all das stimuliert seine Art, sich künstlerisch zu artikulieren. Die öffentliche Erfahrung steckt also durchaus in jedem seiner Werke, konzipiert wird aber konsequent nur nach den Maßgaben des Formalen.
Seine Spezialkenntnisse im Bereich des Möbelbaus sind ihm in diesem Punkt nützlich.

Sehsinn und Tastsinn werden in den Objekten und Skulpturen von Robert Steng auf besondere Weise angesprochen. Die Wahrnehmung des Materials Holz auf der Ebene der Gebrauchsspuren ist dabei häufig an das Geometrische und einen Pseudo-3D-Effekt geknüpft. Die Kunstwerke positionieren sich interessanterweise „natürlich“ körperlich als auch virtuell: in einer gleichermaßen physischen wie imaginativen Kontaktzone, innerhalb derer vielfältigste Grenzerfahrungen möglich werden. Dabei stellt sich zuweilen heraus, dass die Vollkommenheit des Kunstwerks größer ist als das Maß aller natürlichen Gegebenheiten des Fundstücks.
Ausgangspunkt von Stengs gegenwärtiger Werkproduktion sind seine „Empty Boxes“ (seit 2014) sowie Balken-Gebilde wie bei Dachkonstruktionen (vgl. „Large Beam“, 2013), die durch einen hohen Grad des Minimalen und durch Strenge gekennzeichnet sind und die der Künstler mit neuen Selbst- und Außenbezügen weiterentwickelt.
Eine zündende Rolle in der Rezeption spielen Perspektive und der Betrachterstandpunkt.
Für jedes Werk gibt es einen Idealstandort, ein Objekt zu betrachten. Diesen soll der Betrachter ausfindig machen während er wahrnimmt wie der Pseudo-3D-Effekt mal sichtbar wird und sich an anderer Stelle wieder aufhebt.

Robert Steng
Empty Boxes

von Helmut A. Müller (Hospitalhof, Nordheimen Scheune)

Kataloge zur gleichnamigen Ausstellung vom 12.04. - 28.05 2104 in der Galerie Molliné, Stuttgart, herausgegeben von Frank Molliné mit einem Gespräch zwischen Berthold Naumann und Robert Steng
Galerie Molliné Stuttgart, 2014, 40 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Broschur, Rückstichheftung Format 24 x 17 cm

Im Kunstverein Brackenheim läuft noch bis zum 20. Dezember 2015 die konzentrierte und stringent inszenierte ,Robert Steng, Real Things’. Die konsequent auf den Raum abgestimmte Ausstellung legt es nahe, an den 2014 in einer gedruckten und einer Online- Version erschienen Katalog ,Robert Steng, Empty Boxes’ zu erinnern (vgl. dazu http://www.galerie-molline.de/publikation_Steng_web.pdf). ,Empty Boxes’ hatte neben Stengs aus gebrauchten Möbeln gefertigten, zwischen Bild, Wandobjekt und Skulptur changierenden minimalistischen Bildobjekten auch verspieltere frühere skulpturale Installationen vorgestellt, so die Installation ,Palme’, 2008, alte Bauernhaustreppe, 245 cm x Maße variabel, die Skulptur ,Brunnen’, 2008, Jatoba, Nebelmaschine, diverse Materialien, 76 x 76 x 83 cm und einen in ein ,Shadow Piece’ (2013,Tischgestell, Sägefurnier, 200 x100 x78 cm) transformierten Tisch.
Die Brackenheimer Ausstellung beschränkt sich dagegen auf Stengs an Robert Artschwager erinnernde strenge, die Augen täuschende Bildobjekte und setzt auf deren bestechenden sinnlichen Reiz: Im ersten Moment meint man, in die Wand eingelassene Schubladen und aus der Wand heraustretende Balken zu sehen. Erst beim zweiten Blick realisiert man, dass die Bildobjekte flach an der Wand hängen. Der 1972 in Bietigheim-Bissingen geborene und seit 2000 in Stuttgart lebende Künstler, Möbelbauer und Musiker Robert Steng erläutert die Wirkung seiner Arbeiten im Gespräch mit Berthold Naumann wie folgt:
„B.N.: Bei den Empty Boxes gibt es die Spannung, dass sie mit Bildhauerei zu tun haben, mit Volumen, mit Dreidimensionalität, mit echtem Material, aber gleichzeitig haben sie durch die Zentralperspektive und die Hängung an der Wand Merkmale von zweidimensionalen Bildwerken. Praktisch zeigst du wieder ein Bild von einer Kiste und keine echte Kiste, aber durch das Material und die perspektivische Abbildung ist einem die Kiste sehr präsent.
R.S.: Das funktioniert nur, wenn man das nur andeutet, wenn ein imaginärer Raum entsteht. Ich habe auch schon versucht, Kisten als dreidimensionale Objekte einfach hinzustellen, aber die haben nie genügend Kraft entwickelt, dass ich sie als Kunstwerke befriedigend fand. Aber wenn du die Kiste als imaginäre Kiste an die Wand hängst, dann hat das eine suggestive Kraft. Durch die Assoziationen, die ausgelöst werden, stellst du deinen Blick in Frage. Es ist Bildhauerei, es sind wirkliche Objekte, man könnte sie z.B. auf einen Sockel stellen, denn es gibt ja zwei Seiten. Obwohl sie flach an der Wand hängen, sind es Skulpturen. Sie erinnern auch an ein Trompe-l ?æil. [...] Wenn man sie als Trompe-l ?æil sieht, ist es bei den Boxen so, dass sie nach hinten fluchten, man sieht in sie hinein, sie gehen in die Tiefe des Raumes oder in die Wand hinein. Die Balken dagegen haben die Präsenz von einem massiven Material. Die Box wird ein Behälter, der Balken verdrängt den Raum. Das ist ganz klassisch“ (Berthold Naumann / Robert Steng S. 36 f.)
Dass der rührige Brackenheimer Kunstverein Steng im Erdgeschoss des aus dem Jahr 1700 stammenden sogenannten Flüchttors zeigen kann, verleiht den zugleich wand- und raumbezogenen Bildobjekten einen zusätzlichen Reiz. Inmitten von Stengs „Kisten“ und „Balken“ beginnt man sich auszumalen, wie lange in diesem Raum schon mit Holz gearbeitet worden ist, imaginiert, wie es in dem Raum gerochen haben könnte und stellt sich vor, was alles Steng aus den dort hergestellten Weinfässern, Bütten und Zubern hätte machen können. Das im Jahr 1700 gebaute Haus diente der geistlichen Verwaltung einstens als Bindhaus und Fruchtkasten; im Ausstellungsraum wurden Fässer gebunden.
ham, 30.11.2015

Fatima Hellberg

Eröffnungsrede Brackenheim
28.11.2015

REAL THINGS

„Real Things“ ist ein interessanter Titel. Welches sind unsere realen Dinge? Es sind Sachen, die auch eine Biographie haben. Die Dinge mit denen wir leben. Diese Dinge die uns umgeben sind nicht nur ein Werkzeug sondern auch ein Teil und eine Verlängerung des Lebens.
Steng findet die Materialien mit denen er arbeitet. Er sammelt Holzteile und Möbel, und, wie gesagt, hat er ein Studio in den Wagenhallen. Das ist ein großer, aufgeteilter Studiokomplex in Stuttgart, am Nordbahnhof. Ich arbeite zur Zeit mit Simon Jones, einem Londoner Architekten, und wir haben kürzlich dort einen Studiobesuch gemacht. Simon Jones arbeitet auch sehr viel mit Holz, und seine Antwort, sein Eindruck war: es ist so schön zu sehen; jemand der wirklich dieses Material versteht, und sieht daß es auch einen eigenen Willen hat, daß wir immer in einem Dialog mit diesem Material sind. Denn ein Teil von uns kommuniziert mit diesem Material und spürt auch seine Begrenzungen, und das bewirkt daß es eine Art Zwiesprache gibt.
Die Werkreihe der „Beams“, die hier zu sehen ist, bezieht sich zum einen auf den Minimalismus und insbesondere Carl André. Aber sie ist auch aktualisiert und steht in dem eben genannten Dialog mit dem Material. Also gibt es den Minimalismus und den abstrakten Teil, aber es gibt auch etwas darüber hinaus, das über Authentizität reflektiert und somit ein „ja“ zur Lebensreferenz und nicht nur zur Abstraktion darstellt.
Was wir auch erleben ist ein sehr materielles Gefühl der Skulptur, obwohl wir doch hauptsächlich nur die zwei Dimensionen sehen. Wir haben also die reinen, minimalistischen Aspekte, aber trotzdem gibt es auch das sehr starke Gefühl von Lebenserfahrung und ein Gefühl für die Materialien, die in unserem Leben wirksam sind.
Ich finde, ein sehr wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist der Zeitbegriff. „sunlight on wood“ bedeutet auch eine alternative Methode, Zeit zu lesen. Es ist eben auch eine Eigenschaft von Holz,
kaum wahrgenommene Aspekte unserer Zeitbeziehung zu speichern.
Der andere Aspekt ist der Bezug vom Sehsinn zum Tastsinn. Wir können diese Skulpturen nicht einhundert Prozent im Raum sehen, dennoch sind sie nicht zweidimensional. Sie sind zwar im Raum, aber eben doch nicht vollständig, und befinden sich im Grenzgebiet zwischen Bild und Skulptur. Mir scheint, dieses Grenzgebiet in dem etwas zugleich physisch und flach ist, hat eine Entsprechung im menschlichen Gedächtnis: Hier ist auch vieles flüchtig und vergänglich, aber auf der anderen Seite ist es doch auch sehr materiell.

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 Heilbronner Stimme 12.2015   Heilbronner Stimme 12.2015 
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